Interview mit Monica Culen: Lachen bringt Leben

21. November 2019

Face to Face Interview mit monica Culen, Gründerin der Roten Nasen. Foto: Alexander Müller

Face to Face Gespräch mit Monica Culen

Lachen dorthin bringen, wo es am dringendsten gebraucht wird – zu schwerst kranken Kindern, traumatisierten Jugendlichen oder Senioren in Pflegeeinrichtungen: Das machen die Rote Nasen Clowndoctors seit einem Vierteljahrhundert mit großem Erfolg. Über die Zukunftspläne der international erfolgreichen Organisation und darüber, was Unternehmen von einer Zusammenarbeit haben, erzählt die Gründerin und Präsidentin, Monica Culen.

Seit 25 Jahren betreuen die Rote Nasen Clowndoctors erkrankte Kinder und hilfsbedürftige ältere Menschen. Wie erklären Sie sich den durchschlagenden Erfolg der Idee?

Monica Culen: Unser Programm bezieht sich auf Lachen, Lebensfreude und die positiven Seiten des Lebens. Damit erfüllt es ein Bedürfnis aller Menschen, denn wir möchten gern in jeder Lebenslage glücklich sein und es lustig haben. Der tiefere Sinn unserer Arbeit ist aber, in Krisensituationen zu helfen, wenn Menschen von Krankheiten, Sorgen und Ängsten belastet sind und der ganze Körper in einer Art Paniksituation ist. Sobald man lachen kann, sinkt der Stresslevel, die Entspannung setzt ein, die Hormone richten sich auf Entwarnung ein. Das kann den Heilungsprozess im Körper fördern. Denn die Botschaft des Humors kommt in jeder Zelle des Körpers an.

Ihre Organisation finanziert sich zum überwiegenden Teil durch Spenden. Wie bewerten Sie aktuell das Spendenaufkommen in Österreich?

Generell hat sich das Spendenaufkommen in den letzten Jahren gut gehalten. 2009 wurde in Österreich die steuerliche Absetzbarkeit eingeführt, das hat das Spendenaufkommen gut gestärkt. Die Österreicher sind aber keine Spendenweltmeister. Im europäischen Vergleich liegen wir im unteren Feld, nur knapp über den osteuropäischen Ländern und weit hinter England, Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Das liegt zum Teil an der Kultur dieser Länder, wenn wir etwa an die Charity-Tradition in England denken. In Deutschland und der Schweiz sind die gemeinnützigen Stiftungen ein starker Treiber für karitative Aufgaben.

Aber Österreich hat zumindest ein solides Spendenaufkommen. Vor allem die mittleren und unteren Einkommensklassen sind verhältnismäßig spendenfreudig, die Vermögenden deutlich weniger. Von einigen Großmäzenen abgesehen, ist das Großspendertum hierzulande sehr unterentwickelt. Daran müssen wir noch arbeiten.

„Die Österreicher sind keine Spendenweltmeister.
Vor allem das Großspendertum ist unterentwickelt.“

Wo liegen Ihre Hauptaktivitäten im Bereich Fundraising?

Gutes Fundraising ist eine Kunst. Es wird weitgehend unterschätzt, wie wichtig der Aufbau eines strategischen Fundraisings ist, wenn man langfristig Programme damit finanzieren will. Aber es gibt erlernbare Techniken, die helfen, Ressourcen aufzubringen. Nach wie vor sind in der westlichen Welt Spendenbriefe das am besten funktionierende Fundraising-Tool. Damit aktivieren wir vor allem die Privatspender zwischen 10 und 100 Euro. Der wichtigste Spender ist für uns aber der Dauerspender, der uns regelmäßig einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellt, denn das gibt uns Planungssicherheit. Fast Zweidrittel unseres Incomes kommt inzwischen von Dauerspendern.

In der Vorweihnachtszeit steigt die Bereitschaft, Hilfsprojekte zu unterstützen. Warum sollten die Menschen gerade für die Rote Nasen Clowndoctors spenden?

Wenn ein Kind zu Weihnachten nicht daheim sein kann, sondern die Festtage im Spital verbringen muss, kann man sich vorstellen, welchen Schmerz das für die Betroffenen und die Familie bedeutet. Da ist es enorm wichtig, die Umstände der Krankheit erträglich zu machen – also Heimweh, Schmerzen, Angst und Einsamkeit zu lindern. Das sehen wir als unsere wesentliche Aufgabe. Wir wollen helfen, den Willen und die innere Kraft zu stärken, um die schwierigen Begleitumstände der Krankheit zu ertragen.

Wie schaffen es die Rote Nasen Clowns, Ängste und Unsicherheiten zu nehmen?

Es ist die spezielle clowneske Kunst des „in der Gegenwart sein“ und des Verbindens von Herz zu Herz. Ein Krankenzimmer zu betreten und – unabhängig von der Prognose – zu schauen: wie fühlt sich das Kind jetzt im Moment? Darauf gehen die Clowns ein und sie lassen die Sorgen und Ängste auch zu. Niemand kann so gut über dramatische Ereignisse wie zB die Amputation eines Beines mit einem Kind sprechen wie der Clown. Er kann das Thema humorvoll aufgreifen und den Ängsten ihren Schrecken nehmen. Bei alten Menschen ist es wiederum die persönliche Zuwendung und Wärme, auf die es besonders ankommt.

„Humor kommt in jeder Zelle des Körpers an.“

Gründerin der Roten Nasen Monica Culen im Face to Face Interview für das TPA Journal. Foto: Alexander Müller

Manche Ärztinnen und Ärzte binden die Clowns in die Therapie ein. Wie findet man dafür die geeigneten Clowns?

Unser Team durchläuft eine intensive Ausbildung auf künstlerischer und psychologischer Ebene. Das umfasst etwa den Umgang mit verschiedenen Altersgruppen, Traumabewältigung, psychische Erkrankungen und auch die Funktionsweise von unterschiedlichen Krankenhausabteilungen. Wie betrete ich einen Raum? Wie spüre ich, was der andere braucht? Wie schaffe ich die Ausgewogenheit zwischen Nähe und Distanz? All das muss erlernt und geübt werden. Wir bieten eigene Schulungen für jede Zielgruppe. Und wir arbeiten eng mit Intensivstationen und der Kinderchirurgie zusammen. Zum Beispiel begleiten geschulte Clowns Kinder bis zum Operationstisch und lindern ihre Angst. Beim Aufwachen aus der Narkose, oft eine schmerzhafte Phase, sind sie dann ebenfalls wieder bei den kleinen Patienten und helfen ihnen entspannt ganz wach zu werden.

Eine Studie aus Israel zeigt, dass Clowns in der OP Vorbereitung Stress und Angst reduzieren, der Heilungsprozess verbessert und der Krankenhausaufenthalt verkürzt wird. Wir überprüfen das auch gerade mit eigenen Studien in Kooperation mit mehreren Universitätskliniken.

Sie haben in zehn Ländern Rote Nasen- Organisationen aufgebaut, auch im arabischen Raum. Welche speziellen Herausforderungen gab es dabei?

Wir sind jedes Mal mit einem unglaublich komplexen Aufgabenportfolio konfrontiert. Damit wir uns gut aufstellen können, braucht es eine breite Basis: Wir benötigen Kontakte zu den wichtigsten Spitälern, wir müssen die Rechtslage sondieren, wir brauchen ein Board und die Basisfinanzierung. Und natürlich müssen wir die geeigneten Leute finden – vom Management bis zu den Künstlern, die wir in Auditions auswählen und anschließend ausbilden. Das ganze Know-how kommt von uns – wir haben ja die internationale Schule für Humor, in der wir unsere Künstler schulen. Lehrer aus der ganzen Welt halten das ganze Jahr hindurch Workshops – in Wien und in den Ländern. Ein künstlerischer Leiter sorgt für die Einhaltung des Qualitätsanspruchs.

Es muss aber auch in jeder Klinik ein Einschulungsprozess mit Ärzten und Schwestern stattfinden. Dann geht es darum, lokal ein Fundraising aufzubauen. Denn unser Ziel ist, dass die Länder innerhalb von fünf Jahren selbstständig sind – das gelingt nicht immer. Wir brauchen daher auch die Unterstützung durch unsere Headquarters, vor allem in der Aufbauphase.

Zur Organisation: Seit 1994 bringen die Rote Nasen Clowndoctors ein Lachen zu kleinen Patientinnen und Patienten auf Stationen der Kinderchirurgie, der Kardiologie und auf Onkologie- und Intensivstationen, zu Kindern und Jugendlichen in sonder- und heilpädagogischen Einrichtungen und seit 2000 auch zu Erwachsenen und Senioren in Krankenhäusern, Rehabilitationszentren und Pflegeeinrichtungen. Die Rote Nasen Gruppe ist operativ die weltweit größte Vereinigung von Spitalclown-Organisationen. Finanziert werden die Clownbesuche zum Großteil aus privaten Spenden und Sponsorenkooperationen. Insgesamt wurden seit Bestehen der Organisation bei rund 150.000 Visiten und knapp 7 Mio. Menschen besucht.

Werden Sie noch in weitere Länder gehen?

Hätten wir genug Geld, so könnten wir in alle Richtungen der Welt expandieren. Die Länder kommen auf uns zu – derzeit liegen uns Ansuchen von Indien, Russland, Marokko, dem gesamten Mittleren Osten, Spanien, Italien etc. vor. Wir entscheiden uns für die Regionen, die uns am dringendsten brauchen und wo die Not am größten ist – derzeit etwa in Griechenland und Jordanien, wo wir uns gemeinsam mit internationalen Hilfsorganisationen in der Flüchtlingsarbeit engagieren.

Wir arbeiten intensiv an der Traumabewältigung mit den Kindern in den Camps, aber auch in einer Klinik für kriegsversehrte Kinder von Ärzte ohne Grenzen, wo grauenhafte Verletzungen behandelt werden müssen. Dort können wir wirklich Leben und ein wenig Leichtigkeit hineinbringen. Auch mit weiteren großen internationalen Hilfsorganisationen wie UNHCR, Save the children oder dem Internationalen Roten Kreuz arbeiten wir zusammen und sind bei Einsätzen in Krisengebieten dabei.

Hilfreich ist, dass wir in unserem Bereich weltweit in der Qualität und inhaltlich führend sind und die Ansprüche anderer international tätiger Organisationen erfüllen können. Gleichzeitig bemühen wir uns immer um innere Governance. Dazu gehören etwa strenge Kinderschutzrichtlinien für die ganze Gruppe.

Welche Schritte sind notwendig vor dem Start in einem neuen Land?

Derzeit arbeiten wir an der Vision 2025 – da ist die geographische Erweiterung ein wichtiger Punkt. Wir sondieren vorab genau: Wer sind unsere möglichen Unterstützer und unsere Ansprechpartner vor Ort? Mit welchen Kliniken können wir arbeiten? Können wir die Mittel aufbringen, um einen nachhaltigen Aufbau zu gewährleisten?

Denn wenn wir den Aufbau in einem weiteren Land beginnen, wollen wir unbedingt ein qualitativ hochwertiges, nachhaltiges Programm umsetzen. Alle unsere Organisationen agieren landesweit, machen sehr seriöse Arbeit und weisen ein stabiles Finanzmanagement auf. Das ist Voraussetzung.

Das Humorverständnis ist ja nicht überall gleich. Wie nähern Sie sich diesem Thema in anderen Ländern an?

Es gibt kulturelle Codes, die einzuhalten sind. Teilweise sind die Krankenhäuser auch anders organisiert. Faszinierend ist jedoch, dass auch in Kulturen, in denen die Figur des Clowns keine Tradition hat, dieser Humor verstanden wird. Das unmittelbare Berührtsein vom Humor des Clowns ist überall gleich.

Unsere Clowns sind auch so geschult, dass sie sofort miteinander spielen können, auch wenn sie sich nicht kennen. Arabische Clowns fahren nach Litauen und können direkt mit anderen interagieren. Das funktioniert bestens, auch wenn die Sprachen unterschiedlich sind. 2018 waren fast 380 Clowns mit Rote Nasen Zertifizierung im Einsatz und haben weit über eine halbe Million Menschen allein in den Krankenhäusern betreut.

Sie betreuen ja auch Menschen in Pflege- und Seniorenheimen sowie Hospizen. Wie unterscheidet sich die Arbeit in diesen Häusern von jener mit Kindern?

Ganz wesentlich. Die Bedürfnisse von Kindern in einer Krankenstation sind in vielen Bereichen ähnlich. Bei Seniorinnen und Senioren haben wir es mit völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten und Bedürfnissen zu tun – es ist daher sehr komplex, mit Jedem eine Beziehung herzustellen. Sich darauf einzustellen und ein gemeinsames Spiel zu schaffen ist höchste Kunst. Es gelingt unseren Clowns aber sehr gut, die Menschen zu berühren und sie an Lebensgefühle zu erinnern, mit denen sie eigentlich schon abgeschlossen haben, wie Liebe, Beziehungen und andere menschliche Themen.

Zum Beispiel werden in machen Häusern gemeinsam Fortsetzungsromane entwickelt und gespielt. Es werden Lieder gesungen, es wird getanzt, die menschliche Wärme wird so entgegen gebracht, dass die Menschen das gut annehmen können. Das führt dazu, dass die älteren Menschen bereit sind, wieder miteinander zu sprechen oder sich aus ihrem Krankenbett heraus zu bewegen und mehr am Leben teilzunehmen. Eine Patientin sagte:

„Wenn Ihr kommt, ist das wie ein Rendezvous mit dem Leben.“

TPA Steuerberatung Interview Monica Culen, Rote Nasen Cliniclowns - Foto: Alexander Müller

Spenden sind ja mittlerweile steuerlich absetzbar. Was wünschen Sie sich darüber hinaus am meisten, wenn Sie an die Rahmenbedingungen denken, unter denen Organisationen wie Ihre tätig sind?

Ich wünsche mir Anerkennung und Unterstützung von staatlicher Seite für die organisierte Zivilgesellschaft. Wir bilden gemeinsam mit unseren Spendern eine große Einheit und leisten Arbeit, die der Staat gar nicht leisten könnte. Zum Beispiel wurde die gesamte Administration rund um die Spendenabsetzbarkeit auf die Organisationen abgewälzt. Das kostet viel Geld, denn wir müssen unsere Mitarbeiter ja auch bezahlen.

Auf der anderen Seite bringt diese administrative Arbeit Transparenz und Ordnung sowie fokussiertes finanzielles Management. Deshalb sage ich: Niemand sollte sich darüber aufregen, dass wir einen Buchhalter haben, der akribisch arbeitet. Natürlich agieren wir sparsam und es ist auch sehr wichtig, dass wir geprüft werden. Eine Organisation, die gut funktionieren soll, braucht auch einen ordentlichen Steuerberater, Rechnungsprüfer, Anwalt – wenn wir das nicht haben, schludern wir dahin.

Was haben Unternehmen davon, wenn sie die Rote Nasen Clowndoctors unterstützen?

Mit der positiven Philosophie unserer Organisation schaffen wir eine sympathische Bindung zu den Unternehmen. Deshalb arbeiten Unternehmen gerne mit uns zusammen, weil die Wirkung nach innen und nach außen spürbar wird. Denn auch für die eigenen Mitarbeiter hat die Zusammenarbeit mit den Rote Nasen Clowndoctors Bedeutung, weil sie sehen: Unser Management hat Herz und Humor, da stehen wir voll dahinter.

Zur Person:
Gemeinsam mit Giora Seeliger gründete Monica Culen 1994 die Organisation Rote Nasen Clowndoctors in Österreich, deren Geschäftsführerin sie bis 2011 war. 2003 gründete sie auch die Dachorganisation „Red Noses Clowndoctors International“ und leitet bis heute als Vorstandsvorsitzende die Gruppe. Seit 1996 baute sie weitere Rote Nasen-Organisationen in mittlerweile zehn Ländern auf. 2004 übernahm sie den Vorsitz des Österreichischen Fundraising Verbands (FVA). Für ihr soziales Engagement erhielt Monica Culen 2008 das silberne Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich.

Das Interview wurde im TPA Journal 3/2019 veröffentlicht, alle Fotos von Alexander Müller.